Zwischen zwei Herzschlägen
- matthiaswallisch
- vor 6 Tagen
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Über Zweifel, Geduld – und die leise Zeit danach

Der letzte Beitrag hat etwas ausgelöst, womit ich so nicht gerechnet hatte.
Nach „Nur ein Herzschlag“ haben mir Menschen geschrieben. Nicht viele im Sinne von Zahlen – aber viele im Sinne von Tiefe. Nachrichten, die nicht laut waren. Eher vorsichtig. Persönlich. Manchmal tastend.
Da schrieb jemand: „Ich erkenne mich gerade genau an diesem Tiefpunkt wieder.“
Ein anderer: „Ich merke, dass ich genau zwischen zwei Herzschlägen stehe – aber ich weiß nicht, ob da wirklich noch einer kommt.“ Und wieder jemand: „Der Text hat mich beruhigt. Nicht, weil er Lösungen hatte. Sondern weil er das aushält, was gerade ist.“
Diese Rückmeldungen haben etwas deutlich gemacht:
Der Tiefpunkt selbst ist oft gar nicht das Schwerste. Was danach kommt, ist es.
Die Tage nach Karfreitag sind still. Keine großen Bilder. Keine klaren Antworten. Kein sichtbarer Aufbruch. Zwischen Kreuz und Auferstehung, um im Bild des letzten Artikel zu bleiben, liegt ein Raum, über den wenig gesprochen wird.
Ein Dazwischen.
Es ist die Zeit, in der nichts entschieden scheint. In der das Alte nicht mehr trägt – und das Neue noch nicht da ist. Eine Zeit, die wir kaum aushalten.
Weil sie uns zwingt, etwas zu tun, das wir nicht gut können: zu warten.
Warten hat keinen guten Ruf. Es fühlt sich an wie Stillstand. Wie Kontrollverlust. Wie ein Zustand, in dem man nichts tun kann.
Und genau deshalb versuchen wir, ihn zu vermeiden.
Wir lenken uns ab. Wir beschleunigen. Wir suchen nach schnellen Antworten.
Hauptsache, dieses Dazwischen hört auf.
Aber vielleicht liegt genau hier ein entscheidender Punkt.
Nicht nur in der Karwoche. Sondern im Leben.
Zwischen zwei Herzschlägen ist nicht nichts.
Es ist der Moment, in dem sich entscheidet, ob der nächste kommt.
Das klingt zunächst fast technisch. Aber es beschreibt etwas, das viele Menschen kennen:
Diese Phase, in der nichts klar ist. In der Zweifel lauter werden als Hoffnung. In der man sich fragt, ob es wirklich weitergeht. Zweifel gehören genau hierher.
Nicht als Störung. Sondern als Teil dieses Zwischenraums.
Zweifel stellen Fragen, die wir sonst vermeiden würden:
Trägt das noch? Will ich das wirklich weiter? Was bleibt, wenn das Alte wegfällt?
Viele der Rückmeldungen auf den letzten Text hatten genau diesen Ton.
Nicht verzweifelt. Aber auch nicht zuversichtlich. Eher suchend.
Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Ort:
Nicht der Tiefpunkt. Und auch noch nicht der Neubeginn.
Sondern dieser Zwischenraum.
Geduld bekommt hier eine neue Bedeutung.
Nicht als Tugend, die man „haben sollte“. Sondern als Fähigkeit, etwas auszuhalten, das noch nicht fertig ist. Geduld heißt dann nicht, passiv zu sein.
Sondern präsent zu bleiben.
Nicht wegzulaufen. Nicht vorschnell zu schließen. Nicht sofort eine Lösung zu erzwingen.
Das ist anstrengend.
Weil es gegen unseren Impuls geht, Dinge zu kontrollieren.
Aber vielleicht ist genau das die Bewegung, die hier möglich ist:
Nicht nach vorne. Nicht zurück. Sondern tiefer.
Auch die Ostererzählung lässt sich so lesen.
Nicht nur als plötzlicher Wendepunkt. Sondern als etwas, das sich erst erschließt.
Langsam. Für die, die bleiben. Für die, die nicht sofort aufgeben.
Der nächste Herzschlag ist nicht laut.
Er kündigt sich nicht groß an.
Er ist eher ein erstes, vorsichtiges Zeichen:
Ein Gedanke, der wieder möglich wird. Ein Gespräch, das anders verläuft. Ein Moment, in dem sich etwas verschiebt.
Viele übersehen genau das.
Weil sie auf den großen Umschwung warten.
Auf das eindeutige Signal: Jetzt ist alles anders.
Aber so funktioniert es selten.
Was nach dem Tiefpunkt kommt, ist oft unspektakulär.
Und gerade deshalb so entscheidend.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung dieser Tage:
Nicht den Tiefpunkt zu verstehen. Sondern das Dazwischen auszuhalten.
Zu akzeptieren, dass es eine Zeit gibt, in der:
Zweifel da sind
Antworten fehlen
Bewegung kaum spürbar ist
Und trotzdem etwas geschieht. Nicht sichtbar. Aber wirksam.
Wenn ich die Rückmeldungen auf den letzten Text ernst nehme, dann liegt genau hier ein Bedürfnis: Nicht nach schnellen Lösungen. Sondern nach einem Raum, in dem auch das Unklare stehen darf.
Ich bin mir sicher: das ist meine Verbindung zu Ostern:
Dass Hoffnung nicht dort beginnt, wo alles gut ist. Sondern dort, wo Menschen trotz allem bleiben. Zwischen zwei Herzschlägen.
Und vielleicht reicht es für diesen Moment, sich genau das zu sagen:
Dass man nicht weiter sein muss, als man gerade ist.
Dass Zweifel dazugehören. Dass Geduld kein Rückschritt ist.
Und dass das Aushalten dieses Zwischenraums Teil der Bewegung ist.
Der nächste Herzschlag kommt nicht, weil man ihn erzwingt.
Sondern weil Leben weitergeht.
Manchmal leise. Manchmal kaum spürbar. Aber er kommt.
Einen schönen Gruß und einen schönen Sonntag - Der erste Sonntag nach Ostern, auch Weisser Sonntag benannt oder der Sonntag der heiligen Barmherzigkeit




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