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Nur ein Herzschlag

  • matthiaswallisch
  • 3. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Über Tiefpunkte, Wendungen und die leise Kraft, die trägt



Manchmal entstehen Gedanken nicht am Schreibtisch, sondern mitten im Leben.

So war es auch in der letzten Woche vor den Osterferien. Mein Relikurs, Klasse 13.

Der Stoff war durch. Keine Inhalte mehr, die „noch drankommen mussten“.

Stattdessen Raum für etwas anderes: für das, was bleibt, das was umtreibt.

Wir haben uns über die Fastenzeit der Karwoche angenähert. Über die letzten Tage Jesu. Über Verrat, Angst, Ohnmacht, Schmerz – und vorsichtig auch über Hoffnung.

Nicht als fromme Floskel, sondern als Frage: Was davon hat eigentlich mit uns zu tun?


Ein Selbstversuch - enttäuschen oder positiv überraschen

Ich habe die Schülerinnen und Schüler gebeten, ein Symbol zu finden.

Kein richtig oder falsch. Keine Erwartung, keine Bewertung.

Nur die Aufgabe: Was drückt für dich aus, was in diesen Tagen geschieht?

Während sie arbeiteten, habe ich selbst mitgedacht und mitgemacht. Und irgendwann war da ein Bild, das mich nicht mehr losgelassen hat:

Ein Herzschlag.

Genauer gesagt: die Bewegung einer Kurve. Ein langsames Abfallen. Ein Tiefpunkt. Und dann – gegen die Erwartung – wieder ein Anstieg.

Nicht spektakulär. Nicht abrupt. Sondern leise, fast unscheinbar.

f(x) = - sin(x) (siehe dazu die Abbildung)


Schonungslose Ehrlichkeit

Dieses Bild berührt mich in seiner Ehrlichkeit.

Die Karwoche ist keine Geschichte des Fortschritts.

Keine Erfolgserzählung.

Sie ist ein Weg nach unten.


Er beginnt mit Erwartungen: Menschen, die hoffen, die glauben, die vertrauen.

Und dann löst sich Stück für Stück alles auf:

Freunde wenden sich ab. Sicherheit zerbricht. Gewissheiten tragen nicht mehr.

Was bleibt, ist ein Weg, der scheinbar nur in eine Richtung führt – nach unten - ins Dunkel - ins Ungewisse. War alles nur auf Sand gebaut?

Bis zu diesem Punkt, an dem nichts mehr beschönigt werden kann. Karfreitag.

Ein Moment, in dem die Bewegung zum Stillstand kommt. Nicht, weil alles gut ist, sondern weil nichts mehr geht.


Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?

Nimmt man diese Tage ernst, merkt man schnell: Das ist kein religiöses Spezialthema.

Das ist zutiefst menschlich.

Denn jeder kennt solche Bewegungen.

Phasen, in denen etwas kippt. In denen Dinge wegbrechen, die lange getragen haben. In denen sich das Leben nicht mehr wie eine Entwicklung anfühlt, sondern wie ein Abstieg.

Und oft passiert genau dann etwas Entscheidendes: Wir beginnen, dagegen anzukämpfen.

Wir wollen den Tiefpunkt vermeiden, beschleunigen, überspringen. Wir suchen nach schnellen Lösungen, nach Erklärungen, nach einem Ausweg.

Aber das Bild des Herzschlags stellt sich quer zu dieser Logik.

Es zeigt: Der Tiefpunkt gehört dazu.

Nicht als Strafe. Nicht als Scheitern. Sondern als Teil einer Bewegung.

Das ist schwer auszuhalten. Denn es bedeutet, dass es Momente gibt, die man nicht aktiv gestalten kann. Momente, in denen nichts vorwärtsgeht.

Und gleichzeitig liegt genau darin eine leise Wahrheit:

Der Tiefpunkt ist nicht das Ende der Bewegung.

Was danach geschieht, ist unscheinbar.

Keine große Wende. Kein plötzlicher Umschwung.

Eher ein erstes, kaum wahrnehmbares Ansteigen.

So, als würde etwas wieder in Bewegung kommen, das zuvor erstarrt war.

In der christlichen Tradition nennen wir diesen Moment Ostern.

Aber vielleicht geht es weniger um den Begriff als um die Erfahrung dahinter:

Dass nach einem Tiefpunkt wieder etwas wachsen kann.

Nicht automatisch. Nicht planbar. Aber möglich.

Diese Erfahrung ist nicht auf religiöse Kontexte beschränkt.

Sie zeigt sich im Alltag:

Wenn nach einer Phase der Erschöpfung langsam wieder Energie zurückkommt. Wenn nach einem Konflikt ein erstes vorsichtiges Gespräch gelingt. Wenn nach einer Zeit der Orientierungslosigkeit wieder eine Richtung sichtbar wird.


Es sind keine großen Durchbrüche. Es sind kleine Bewegungen.

Und doch verändern sie alles.

Das Bild des Herzschlags hilft, diese Dynamik anders zu verstehen.

Es macht deutlich: Entwicklung verläuft nicht linear.

Sie kennt Hochpunkte und Tiefpunkte. Zeiten der Klarheit und Zeiten der Verunsicherung. Phasen des Wachstums und Phasen des Stillstands.

Wer nur auf die Hochpunkte schaut, wird die Realität nicht verstehen. Und wer im Tiefpunkt stehen bleibt, übersieht die Bewegung.

Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Perspektive für den eigenen Blick auf das Leben:

Nicht jede Phase muss sofort sinnvoll sein. Nicht jeder Abschnitt muss produktiv sein. Und nicht jeder Tiefpunkt braucht eine schnelle Lösung.

Manches darf einfach sein.


Weil es Teil eines größeren Zusammenhangs ist, der sich oft erst im Rückblick erschließt.

Das macht die Karwoche so besonders.

Sie erzählt keine Geschichte, in der Schwierigkeiten einfach überwunden werden. Sie hält den Tiefpunkt aus.

Und gerade dadurch öffnet sie einen Raum für etwas Neues.

Nicht als billige Vertröstung, sondern als echte Möglichkeit.

Wenn man dieses Bild ernst nimmt, verändert sich auch der Blick auf persönliche Krisen.

Sie verlieren nicht ihre Schwere. Aber sie verlieren den Anspruch, das letzte Wort zu haben.

Das ist kein einfacher Gedanke. Und er lässt sich nicht erzwingen.

Aber er kann sich zeigen – manchmal ganz leise.

In einem Gespräch. In einem Moment der Klarheit. In dem Gefühl, dass sich etwas verschiebt.

Vielleicht ist das die eigentliche Kraft dieses Symbols:

Es verspricht nicht, dass alles gut wird.

Aber es erinnert daran, dass Bewegung möglich bleibt.

Gerade in diesen Tagen vor Ostern lohnt es sich, diesen Gedanken mitzunehmen.

Nicht als fertige Antwort, sondern als offene Frage:

Wo erlebe ich gerade einen Tiefpunkt? Und wo – vielleicht noch kaum sichtbar – beginnt schon wieder eine Bewegung nach oben?

Es braucht nicht immer große Veränderungen.

Manchmal reicht ein erster Impuls. Ein kleines Zeichen. Ein einziger Herzschlag.

Und plötzlich ist da wieder eine Richtung.


Ich wünsche Dir gesegnete Ostertage.

Liebe Grüße Matthias Wallisch

 
 
 

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