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Zwischen Zuhören und Deuten

Wer beruflich viel mit Menschen arbeitet, entwickelt mit der Zeit ein Gespür.

Matthias Wallisch
Matthias Wallisch

Man hört bestimmte Formulierungen. Man erkennt Muster. Man ahnt, worum es eigentlich geht – manchmal schon nach wenigen Minuten.

Das ist hilfreich.


Und doch gleichzeitig gefährlich.

Denn irgendwann passiert etwas, das ich aus meiner eigenen Arbeit kenne:

Man hört Menschen nicht mehr nur zu. Man beginnt sofort einzuordnen.

Noch während jemand spricht, entsteht innerlich bereits eine Erklärung.

„Das kenne ich.“„Das ist wahrscheinlich eigentlich ein Konflikt mit…“„Dahinter steckt vermutlich…“

Das geschieht oft nicht aus Arroganz. Sondern aus Erfahrung.

Und genau deshalb fällt es so wenig auf.

Professionelle Gespräche leben davon, Zusammenhänge zu erkennen. Das ist Teil unserer Aufgabe.

Aber manchmal entsteht dabei ein Problem:

Wir glauben zu verstehen, bevor der andere überhaupt fertig ist.

Ich merke das selbst immer wieder.

Gerade in Gesprächen, in denen vieles gleichzeitig passiert: Emotionen, Konflikte, Unsicherheit, Erwartungen.

Dann springt der Kopf schnell an.

Ich suche Orientierung. Ordnung. Eine Linie.

Und manchmal höre ich dadurch nicht mehr wirklich zu.

Das Schwierige daran ist:

Von außen wirkt es oft trotzdem professionell.

Ich stelle passende Fragen. Ich reagiere ruhig. Ich formuliere verständnisvoll.

Und dennoch kann innerlich längst feststehen, wie man die Situation deutet.

Vielleicht kennen das nicht nur Supervisoren oder Coaches.

Auch Führungskräfte. Lehrkräfte. Menschen in sozialen Berufen.

Wer viel mit Menschen arbeitet, entwickelt Routinen. Und Routinen helfen.

Aber sie können auch dazu führen, dass Menschen schneller „einsortiert“ werden als uns lieb ist.

Dann wird aus Zuhören plötzlich Diagnostik.

Aus Offenheit wird Interpretation.

Und aus einem Gespräch wird unbemerkt ein inneres Abgleichen mit allem, was man schon kennt.

Dabei ist genau das oft der entscheidende Punkt:

Menschen wollen nicht sofort verstanden werden.

Manchmal wollen sie erstmal erzählen dürfen.

Unsortiert. Widersprüchlich. Unfertig.

Ohne, dass sofort ein Muster daraus gemacht wird.

Vielleicht liegt darin eine der schwierigsten Aufgaben professioneller Gespräche:

Nicht nur aufmerksam zu sein. Sondern offen zu bleiben.

Auch dann, wenn man glaubt, etwas bereits erkannt zu haben.

Denn Erfahrung ist wertvoll. Aber sie hat eine Schattenseite:

Sie macht schnell.

Und nicht alles, was schnell verstanden wird, ist wirklich verstanden.

Ich glaube, echtes Zuhören braucht deshalb etwas, das im professionellen Alltag leicht verloren geht: Langsamkeit.

Nicht jede Aussage sofort bewerten. Nicht jedes Verhalten sofort deuten. Nicht jede Pause sofort füllen.

Sondern einen Moment länger offen bleiben.

Vielleicht ist genau das manchmal die professionellste Haltung:

Nicht sofort zu wissen.

Sondern bereit zu sein, sich überraschen zu lassen.

Auch nach vielen Jahren Erfahrung.

Denn hinter jeder Geschichte steckt oftmals so viel Mehr als "nur" eine Geschichte

 
 
 

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