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Wann habe ich eigentlich aufgehört, mich auf Dinge zu freuen?

matthiaswallisch
26. Aug.
6 Min. Lesezeit

Diese Frage ist mir vor Kurzem durch den Kopf gegangen.

Und irgendwie ist sie geblieben.


Wann habe ich eigentlich aufgehört, mich auf Dinge zu freuen?

Le Mont St. Michel - Abtei - Fenster aus dem Kreuzgang (MW)
Le Mont St. Michel - Abtei - Fenster aus dem Kreuzgang (MW)

Nicht falsch verstehen: In meinem Leben passieren viele schöne Dinge. Ich treffe Menschen, die ich gerne mag. Ich reise. Ich arbeite an Projekten, die mir wichtig sind. Ich verbringe Abende mit Freunden oder Familie, gehe essen, bin unterwegs, entdecke Neues.

Eigentlich gibt es ziemlich viel, worauf ich mich freuen könnte.

Und trotzdem habe ich etwas an mir beobachtet:

Ich freue mich oft erst, wenn ich schon mittendrin bin.

Vorher organisiere ich.

Ich plane.

Ich schaue, wann ich losfahren muss. Was vorher noch erledigt werden sollte. Was ich mitnehmen muss. Welche Nachricht noch beantwortet werden muss. Was am nächsten Tag ansteht.

Selbst auf schöne Dinge arbeite ich manchmal eher hin, als dass ich mich auf sie freue.

Und genau das hat mich jetzt nachdenklich gemacht.

Vielleicht ist mein Leben nämlich gar nicht zu wenig schön.

Vielleicht rausche ich nur manchmal zu schnell hindurch.


Erinnerst du dich noch an dieses Kribbeln?

Als Kind war Vorfreude etwas völlig anderes.

Geburtstag. Weihnachten. Der erste Ferientag. Ein Ausflug.

Manchmal sogar nur der Besuch bei jemandem, den man besonders gerne mochte.

Man zählte die Tage. Noch fünfmal schlafen. Noch viermal. Noch dreimal.

Und am Abend vorher konnte man kaum einschlafen.

Das Verrückte daran ist: Das eigentliche Ereignis war manchmal gar nicht so spektakulär.

Aber das spielte keine Rolle.

Denn es hatte längst vorher begonnen.

In meinem Kopf. In meiner Fantasie.

In diesem wunderbaren Gefühl, dass etwas Schönes vor einem liegt.

Heute kann ich vor einem Urlaub erstaunlich gut schlafen.

Vielleicht auch deshalb, weil ich am Abend vorher eher darüber nachdenke, ob alles eingepackt ist.

Sind die Unterlagen dabei? Wann müssen wir los? Wie ist der Verkehr? Habe ich alles erledigt? Muss ich vorher noch jemandem antworten?


Aus dem kindlichen „Morgen geht es los!“ ist irgendwann ein erwachsenes „Hoffentlich habe ich an alles gedacht“ geworden.

Das ist natürlich ein bisschen überspitzt. Aber vielleicht auch nur ein bisschen.


Vorfreude verlängert das Schöne

Dabei ist Vorfreude etwas Erstaunliches.

Stell dir vor, du hast am Freitagabend ein Essen mit Menschen, die du lange nicht gesehen hast. Der Abend dauert vielleicht vier Stunden.

Wenn du dich aber schon am Montag darauf freust, dann hat dieser Abend etwas geschafft, was eigentlich unmöglich ist: Er hat sich verlängert.

Er reicht plötzlich bis in den Montag hinein.

Vielleicht ist das eine der schönsten Eigenschaften von Vorfreude.

Sie schenkt einem schönen Moment zusätzliche Lebenszeit.

Und vielleicht unterschätze ich genau das.

Wir sprechen viel über Glück und Lebensfreude. Über Achtsamkeit, über Entschleunigung und darüber, den Augenblick zu genießen.

Meist meinen wir damit das Hier und Jetzt.

Und das ist wichtig.

Aber vielleicht gehört zu einem guten Leben nicht nur die Fähigkeit, den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen.

Vielleicht gehört auch die Fähigkeit dazu, sich auf einen zukünftigen Moment freuen zu können.


Wann wurde aus Vorfreude eigentlich Planung?

Natürlich ist unser Leben heute ein anderes als damals.

Wir tragen Verantwortung. Für unseren Beruf. Für andere Menschen. Für Familien. Für Projekte. Für all die kleinen und großen Dinge, die unseren Alltag zusammenhalten.

Und Verantwortung braucht Organisation.

Ich möchte das gar nicht romantisieren.

Ein volles Leben ist schließlich nicht automatisch ein schlechtes Leben.

Im Gegenteil.

Manchmal ist unser Kalender gerade deshalb voll, weil unser Leben voller Menschen und Erlebnissen ist, die uns wichtig sind.

Das ist eigentlich etwas Schönes.

Aber irgendwann kann etwas kippen.

Dann steht im Kalender:

Freitag: Essen mit Freunden.

Samstag: Ausflug.

Sonntag: Konzert.

Und statt zu denken:

Was für ein schönes Wochenende!

denken wir:

Ganz schön viel los.

Das finde ich bemerkenswert.

Denn die Termine haben sich nicht verändert.

Nur unser Blick auf sie.

Aus Erlebnissen werden Termine. Aus Verabredungen werden Verpflichtungen.

Und aus Dingen, auf die wir uns einmal gefreut hätten, werden Punkte, die wir gedanklich abhaken.

Gehts dir machmal auch so, wie mir?


Vielleicht sind wir einfach zu beschäftigt, um uns zu freuen

Dieser Gedanke gefällt mir nicht besonders.

Vielleicht gerade deshalb, weil etwas daran wahr sein könnte.

Was, wenn ich gar nicht zu wenig Schönes erlebe?

Was, wenn ich einfach zu beschäftigt geworden bin, um mich darauf zu freuen?

Wir sind unglaublich gut darin geworden, Zwischenräume zu füllen.

Wenn ich irgendwo fünf Minuten warten muss, hole ich mein Smartphone heraus.

Wenn ich im Zug sitze, kann ich noch schnell Nachrichten beantworten.

Wenn ein Termin zehn Minuten später beginnt, schaue ich eben kurz in die E-Mails.

Und selbst wenn wir nichts erledigen müssen, gibt es immer noch Nachrichten, soziale Medien, Videos oder irgendeine Information, die wir aufnehmen können.

Langeweile ist beinahe zu etwas geworden, das vermieden werden muss.

Dabei frage ich mich inzwischen, ob wir mit diesen kleinen leeren Momenten nicht auch etwas anderes abgeschafft haben.

Das Herumspinnen.

Das Tagträumen.

Das gedankliche Vorausreisen.

Und eben:

die Vorfreude.

Vielleicht braucht Vorfreude ein bisschen Langeweile.

Ein bisschen Leere.

Einen Moment, in dem nichts anderes unsere Aufmerksamkeit fordert.


„Freu dich nicht zu früh.“

Diesen Satz kennen vermutlich viele.

Er klingt vernünftig.

Und natürlich steckt etwas Wahres darin.

Wir haben schließlich gelernt, dass nicht alles so kommt, wie wir es uns wünschen.

Der Urlaub kann verregnet sein.

Das Konzert kann enttäuschen.

Ein Mensch kann absagen.

Ein Projekt, auf das wir große Hoffnungen gesetzt haben, kann scheitern.

Je älter wir werden, desto mehr solcher Erfahrungen sammeln wir.

Vielleicht werden wir deshalb vorsichtiger.

Nicht zu viel erwarten.

Nicht zu euphorisch werden.

Erst einmal abwarten.

Dann ist die Enttäuschung hinterher nicht so groß.

Aber ich frage mich:

Ist das wirklich ein guter Tausch?

Denn wenn ich mich drei Wochen auf etwas freue und es am Ende anders kommt als erhofft, waren diese drei Wochen Vorfreude deshalb wertlos?

Ich glaube nicht.

Die Freude war doch trotzdem da.

Vielleicht müssen wir nicht jede mögliche Enttäuschung vorwegnehmen.

Vielleicht dürfen wir uns gelegentlich wieder ein bisschen unvernünftig freuen.


Und dann suchen wir das nächste Erlebnis

Es gibt noch einen anderen Gedanken, den ich an mir selbst interessant finde.

Wenn der Alltag sich irgendwann grau oder eintönig anfühlt, denken wir schnell darüber nach, was wir verändern könnten.

Vielleicht mal wieder verreisen.

Etwas unternehmen.

Ein neues Restaurant ausprobieren.

Ein Wochenende wegfahren.

Ein neues Projekt beginnen.

Grundsätzlich spricht überhaupt nichts dagegen.

Aber vielleicht liegt die Antwort manchmal gar nicht darin, noch mehr in unser Leben hineinzupacken.

Das ist eine Vorstellung, die mir zunehmend gefällt.

Vielleicht brauche ich nicht noch mehr Erlebnisse.

Vielleicht muss ich wieder lernen, mich auf die zu freuen, die längst da sind.

Auf einen Kaffee am Samstagmorgen.

Auf ein gemeinsames Essen.

Auf einen freien Nachmittag.

Auf einen Spaziergang.

Auf einen Menschen, den ich bald wiedersehe.

Auf ein gutes Gespräch.

Vielleicht sogar auf den Moment am Abend, wenn ich nach Hause komme, die Tür hinter mir schließe und weiß: Für heute muss ich nichts mehr.

Das sind keine spektakulären Dinge.

Sie eignen sich wahrscheinlich nicht besonders gut für Instagram.

Aber vielleicht besteht Lebensfreude sowieso aus viel mehr unspektakulären Momenten, als wir glauben.


Vorfreude bedeutet, nach vorne zu schauen

In meiner Arbeit als Coach und Supervisor geht es häufig um Veränderung.

Was möchte ich anders machen?

Wo möchte ich hin?

Was belastet mich?

Was wäre der nächste Schritt?

Das sind wichtige Fragen.

Aber vielleicht gibt es noch eine andere Form der Selbstreflexion.

Eine, bei der nichts verbessert werden muss.

Eine Frage, die nicht nach einem Ziel verlangt.

Sie lautet einfach:

Worauf freue ich mich eigentlich?

Ich habe angefangen, mir diese Frage wieder häufiger zu stellen.

Und ich finde interessant, dass die Antwort manchmal gar nicht sofort kommt.

Dabei steht mein Kalender voller Dinge.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Ich muss nichts Neues hineinpacken.

Ich muss nur anders darauf schauen.


Vielleicht möchte ich das wieder lernen

Ich werde vermutlich nicht mehr die Tage bis zu meinem Geburtstag zählen.

Und vor einem Urlaub werde ich wahrscheinlich weiterhin überlegen, ob ich alles eingepackt habe.

Ich möchte mein Leben auch nicht künstlich entschleunigen und so tun, als könnten wir alle unsere Smartphones ausschalten, Termine streichen und fortan nur noch Sonnenuntergänge betrachten.

Das wäre nicht mein Leben.

Und wahrscheinlich auch nicht deins.

Aber vielleicht kann ich etwas Kleines verändern.

Wenn ich das nächste Mal in meinen Kalender schaue, möchte ich nicht nur sehen, was ansteht.

Ich möchte auch sehen, worauf ich mich freuen kann.

Vielleicht bleibe ich bei einem dieser Termine einen Moment hängen.

Nicht um zu überlegen, was ich dafür noch vorbereiten muss.

Sondern einfach, um mir vorzustellen, wie es sein wird.

Der Ort. Die Menschen. Das Gespräch. Der Moment. Und vielleicht kommt es dann wieder.

Dieses kleine Kribbeln.Dieses Gefühl, das wir früher so gut kannten. Noch fünfmal schlafen.

Noch viermal. Noch dreimal. Vielleicht habe ich gar nicht aufgehört, mich auf Dinge zu freuen.

Vielleicht habe ich nur eine Weile vergessen, mir dafür Zeit zu nehmen.

Für meine Abiturienten und dass eure Vorfreude in mir und meinem Herzen Spuren hinterlassen haben.

 
 
 

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