Wenn zwei Menschen sprechen – und doch etwas Drittes im Raum steht
- matthiaswallisch
- 13. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Manchmal sitzen mir in der Beratung zwei Menschen gegenüber, die sich sehr nahe stehen. Und doch wirkt es, als läge oder stünde etwas Unsichtbares zwischen ihnen. Etwas Ungesagtes. Etwas Altes. Etwas, das im Alltag keinen Platz mehr findet, aber im Raum sofort spürbar ist.
Paare kommen mit einem klar benannten Anliegen: „Wir streiten ständig.“ oder „Wir reden aneinander vorbei.“ oder „So wie früher ist es nicht mehr.“
Was dann geschieht, ist selten spektakulär. Und doch hoch verdichtet.
Partnerschaft zu leben ist nicht einfach und wird jeden Tag neu gelebt.
Wenn Worte nicht mehr das Eigentliche sagen
In den ersten Minuten einer Sitzung sind meist zwei sehr unterschiedliche Erzählungen zu hören. Beide stimmig. Beide wahr. Und beide unvollständig.
Es geht dann weniger um das, was gesagt wird, sondern um das, was nicht mehr gesagt werden kann, ohne Angst auszulösen.
Ein Satz wird zu laut. Ein anderer zu leise. Ein Blick geht zu Boden. Ein Atem stockt.
Und plötzlich wird klar: Hier geht es nicht um Recht oder Unrecht. Hier geht es um Nähe. Und um die Angst, die Nähe zu verlieren.
Ich habe größte Hochachtung vor Menschen, die sich dieser Angst stellen. Es liegen gemeinsam zurückgelegte Etappen hinter einem Paar und wahrscheinlich waren die Etappen, wo man sich gegenseitig am stärksten gebraucht hat auch die Momente, in denen man sich auch ohne Worte verstanden hat. Dann kommen Etappen, in denen Gewohnheit und ruhiges Fahrwasser es nicht notwendig machen, sich über tiefe Bedürfnisse, Zweifel oder Sorgen auszutauschen oder auch über grundlegendes zu sprechen. Dann kommen wieder Etappen, die gerade das notwendig machen: sprechen über mich und meine Bedürfnisse und dann gilt es wieder eine gemeinsame Sprache zu lernen.
Meine Rolle ist nicht die des Schiedsrichters
In solchen Momenten werde ich manchmal – ganz leise – eingeladen, Partei zu ergreifen. Ein Blick sucht Zustimmung. Ein Satz will verstanden werden. Ein anderes Schweigen hofft auf Schutz.
Früher habe ich gedacht, ich müsse dann besonders neutral sein. Heute weiß ich: Neutralität hilft nicht.
Was hilft, ist Allparteilichkeit. Beide ernst nehmen, ohne einen auszubalancieren. Die Beziehung im Blick behalten, nicht die Positionen.
Ich versuche, nicht zwischen die beiden zu treten, sondern neben die Beziehung.
Was Paare oft wirklich brauchen
Paare brauchen keinen neuen Kommunikationsstil. Sie brauchen einen Ort, an dem sie langsamer werden dürfen. An dem nicht sofort reagiert werden muss. An dem Gefühle auftauchen dürfen, ohne dass sie gleich bewertet werden.
Manchmal reicht ein Satz wie: „Bleiben Sie noch kurz bei sich – was passiert gerade in Ihnen?“
Dann verändert sich etwas. Nicht immer sofort. Aber spürbar.
Zwischen den Positionen liegt oft etwas Gemeinsames
Wenn ich eines aus der Arbeit mit Paaren lernen darf, dann dies: Zwischen den Fronten liegt fast immer etwas Gemeinsames. Eine Geschichte. Ein Wunsch. Eine alte Nähe.
Und oft braucht es jemanden, der diesen Raum hält, ohne ihn zu füllen. Der nicht löst, sondern sichtbar macht. Der nicht bewertet, sondern übersetzt.
Spannend dabei ist die Erfahrung, dass es keine Rolle spielt ob es heterosexuelle Paare oder Paare anderer Konstellationen sind.
Beratung ist kein Ort für Entscheidungen – sondern für Begegnung
Nicht jede Paarberatung endet mit einem Neuanfang. Und das ist auch nicht ihr Auftrag.
Manchmal entsteht Klarheit. Manchmal ein Abschied. Manchmal ein vorsichtiges Wieder-Annähern.
Was ich als hilfreich erlebe, ist, wenn Paare sich selbst wieder hören. Nicht durch Argumente. Sondern durch Präsenz.
Vielleicht ist das der leise Kern dieser Arbeit: einen Raum zu öffnen, in dem Beziehung wieder möglich wird – in welcher Form auch immer.
Danke für euer Vertrauen.
