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Von der Kraft, sich wieder auf das Leben zu freuen

matthiaswallisch
vor 11 Minuten
6 Min. Lesezeit
Matthias Wallisch - Foto von Marisa Gaitsch
Matthias Wallisch - Foto von Marisa Gaitsch

In den vergangenen Wochen begegnen mir drei Worte immer wieder: Kraft, Freude und Mut. In Gesprächen, in meiner Arbeit, bei Menschen, die viel Verantwortung tragen, und manchmal auch in meinen eigenen Gedanken. Vielleicht liegt es daran, dass viele gerade das Gefühl haben, dass vieles gleichzeitig Kraft kostet. Der Alltag ist voll, Veränderungen folgen schnell aufeinander, manche Gewissheiten sind weniger selbstverständlich geworden und die Nachrichtenlage trägt selten dazu bei, morgens mit besonderer Leichtigkeit in den Tag zu starten.

Dabei fällt mir auf, dass Menschen häufig gar nicht nach der großen Veränderung suchen. Sie wünschen sich etwas viel Grundsätzlicheres: wieder mehr Kraft zu haben. Sich wieder auf etwas freuen zu können. Den Mut zu finden, eine Entscheidung zu treffen, eine Grenze zu setzen oder etwas Neues zu beginnen.

Kraft, Freude und Mut – drei Begriffe, die zunächst unabhängig voneinander erscheinen. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass sie miteinander verbunden sind.


Woher nehmen wir eigentlich unsere Kraft?

Wenn wir von Kraft sprechen, denken wir schnell an Durchhalten. An Belastbarkeit, Disziplin und die Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn es anstrengend wird. Wer viel schafft, scheint viel Kraft zu haben.

Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher, ob das stimmt.

Man kann erstaunlich lange funktionieren, obwohl die eigene Kraft längst schwindet. Wir stehen morgens auf, erledigen unsere Arbeit, kümmern uns um andere, beantworten Nachrichten und erfüllen Verpflichtungen. Von außen sieht das stabil aus. Innen kann es sich ganz anders anfühlen.

Vielleicht zeigt sich Kraft deshalb nicht nur darin, wie viel wir aushalten. Manchmal zeigt sie sich darin, rechtzeitig wahrzunehmen, was uns Kraft kostet und was sie uns zurückgibt.

Diese Frage klingt einfach: Was gibt mir Kraft? Trotzdem fällt die Antwort nicht jedem leicht. Wir wissen oft sehr genau, was wir noch erledigen müssen, wer etwas von uns erwartet und welche Aufgaben vor uns liegen. Aber wann fragen wir uns, was uns eigentlich nährt?

Für den einen ist es Bewegung, für einen anderen ein Gespräch. Es kann Musik sein, ein Abend mit Freunden, ein Spaziergang, ein stiller Morgen, ein gutes Essen oder ein paar Stunden, in denen niemand etwas von einem möchte. Kraftquellen müssen nicht spektakulär sein. Wahrscheinlich liegt genau darin ihre Bedeutung: Sie lassen sich in unser Leben integrieren, statt ein weiteres Projekt zu werden.


Freude ist kein Luxus

Über Freude sprechen wir erstaunlich wenig. Vielleicht weil sie uns zu leicht erscheint. Über Stress, Belastung, Resilienz, Selbstoptimierung und Krisenbewältigung gibt es unzählige Ratgeber. Freude klingt daneben beinahe ein wenig naiv.

Dabei frage ich mich, ob wir ihre Bedeutung unterschätzen.

Freude verändert nicht automatisch die Umstände unseres Lebens. Sie löst keine Konflikte und nimmt uns keine schwierigen Entscheidungen ab. Aber sie verändert den Zustand, in dem wir diesen Umständen begegnen.

Wer etwas hat, worauf er sich freut, erlebt einen anstrengenden Tag anders als jemand, dessen Blick nur auf die nächste Verpflichtung gerichtet ist. Wer lachen kann, obwohl nicht alles gut ist, verdrängt deshalb nicht automatisch die Realität. Vielleicht erinnert er sich nur daran, dass die Realität aus mehr besteht als aus dem, was gerade schwierig ist.

Das beschäftigt mich auch deshalb, weil wir Freude gerne vertagen.

Wenn dieses Projekt abgeschlossen ist, wird es ruhiger. Wenn die stressige Phase vorbei ist, nehme ich mir wieder mehr Zeit. Wenn ich Urlaub habe, erhole ich mich. Wenn dieses oder jenes geklärt ist, kann ich das Leben wieder mehr genießen.

Nur kommt danach meistens etwas Neues.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Freude als Belohnung zu betrachten, die wir uns verdienen, wenn alles andere erledigt ist. Es wird diesen vollkommen aufgeräumten Moment vermutlich nicht geben.

Das Leben findet nicht nach unseren Verpflichtungen statt. Es findet währenddessen statt.

Dieser Gedanke ist unbequem, weil er die Verantwortung ein Stück weit zu uns zurückbringt. Nicht für alles, was uns widerfährt. Aber dafür, ob das, was uns Freude macht, überhaupt noch einen Platz in unserem Leben bekommt.


Manchmal braucht Freude Mut

Damit komme ich zum dritten Begriff.

Mut verbinden wir häufig mit großen Entscheidungen. Den Beruf wechseln, eine Beziehung beenden, neu anfangen, vor vielen Menschen sprechen oder etwas wagen, dessen Ausgang wir nicht kennen.

Aber die meisten mutigen Entscheidungen sehen von außen viel unspektakulärer aus.

Nein sagen, obwohl jemand enttäuscht sein könnte. Um Hilfe bitten, obwohl wir gewohnt sind, alles allein zu schaffen. Eine eigene Meinung aussprechen, obwohl sie unbequem ist. Einen Fehler zugeben. Einen Menschen anrufen, den wir vermissen. Etwas ausprobieren, obwohl wir darin vermutlich zunächst nicht besonders gut sein werden.

Manchmal braucht es sogar Mut, sich etwas Schönes zu erlauben.

Das klingt zunächst merkwürdig. Doch wer über lange Zeit vor allem funktioniert hat, kennt vielleicht dieses schlechte Gewissen, sobald er etwas nur für sich tut. Darf ich mich ausruhen, obwohl noch Arbeit da ist? Darf ich einen freien Nachmittag genießen, obwohl andere gerade meine Unterstützung gebrauchen könnten? Darf ich etwas absagen, weil ich merke, dass ich eine Pause brauche?

Vielleicht besteht Mut nicht immer darin, noch einen Schritt weiterzugehen.

Manchmal besteht Mut darin, stehen zu bleiben.

Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Achtsamkeit für die eigenen Grenzen.


Wir warten häufig auf den richtigen Moment

Ein Muster begegnet mir in Gesprächen und auch in Coaching und Supervision immer wieder: Menschen wissen häufig ziemlich genau, was ihnen guttun würde. Das Problem ist nicht fehlende Erkenntnis. Es ist der Schritt von der Erkenntnis zum Handeln.

„Eigentlich müsste ich …“

Dieser Satz ist verräterisch.

Eigentlich müsste ich weniger arbeiten. Eigentlich müsste ich mich wieder häufiger mit Freunden treffen. Eigentlich wollte ich schon lange wieder Sport machen. Eigentlich würde ich gerne etwas Neues beginnen. Eigentlich müsste ich dieses Gespräch endlich führen.

Nach dem „eigentlich“ kommt meistens etwas, das wir längst wissen.

Was fehlt, ist nicht die Einsicht. Es fehlt der Mut, ihr zu folgen.

Dabei stellen wir uns Mut oft falsch vor. Wir warten darauf, dass die Angst verschwindet und wir uns plötzlich sicher fühlen. Aber vielleicht funktioniert Mut genau andersherum. Vielleicht entsteht Sicherheit manchmal erst, nachdem wir losgegangen sind.

Mut bedeutet dann nicht: Ich weiß, dass es funktionieren wird.

Sondern: Ich weiß es nicht – aber ich versuche es trotzdem.


Kraft entsteht nicht nur durch Ruhe

Lange habe ich bei Kraft vor allem an Erholung gedacht. Wer erschöpft ist, braucht eine Pause. Das stimmt natürlich. Aber eine Pause allein gibt uns nicht immer zurück, was uns fehlt.

Man kann ein Wochenende auf dem Sofa verbringen und sich am Montag trotzdem kraftlos fühlen.

Vielleicht entsteht Kraft nämlich nicht ausschließlich dadurch, dass Belastung wegfällt. Sie entsteht auch dadurch, dass etwas hinzukommt, das uns lebendig macht.

Ein Gespräch, nach dem wir anders nach Hause gehen, als wir gekommen sind. Eine Aufgabe, in der wir einen Sinn erkennen. Musik, die etwas in uns auslöst. Ein gemeinsames Essen, bei dem wir irgendwann merken, dass wir seit zwei Stunden nicht auf die Uhr geschaut haben. Ein Projekt, für das wir plötzlich wieder Ideen entwickeln.

Das sind Momente, die nicht nur Energie verbrauchen. Sie geben etwas zurück.

Und damit schließt sich für mich der Kreis.

Freude kann Kraft geben. Kraft kann uns helfen, mutig zu werden. Und Mut kann dazu führen, dass wir Entscheidungen treffen, durch die wieder mehr von dem in unser Leben kommt, was uns Freude macht.

Vielleicht sind Kraft, Freude und Mut deshalb keine drei voneinander getrennten Dinge. Vielleicht halten sie sich gegenseitig in Bewegung.


Was davon fehlt mir gerade?

In meiner Arbeit als Supervisor und Coach im Remstal, im Rems-Murr-Kreis und im Raum Stuttgart erlebe ich immer wieder, wie schnell wir bei Problemen nach Lösungen suchen. Was muss verändert werden? Welcher nächste Schritt ist sinnvoll? Welche Strategie hilft?

Manchmal lohnt es sich, vorher eine einfachere Frage zu stellen:

Was fehlt mir gerade eigentlich – Kraft, Freude oder Mut?

Vielleicht fehlt mir Kraft. Dann brauche ich nicht noch mehr Disziplin, sondern Erholung, Unterstützung oder eine Grenze.

Vielleicht fehlt mir Freude. Dann brauche ich möglicherweise nicht weniger Termine, sondern wieder etwas, das ich gerne tue und auf das ich mich freuen kann.

Oder mir fehlt Mut. Dann weiß ich vielleicht längst, was ansteht, habe aber den Schritt noch nicht gewagt.

Natürlich lässt sich das Leben nicht auf drei Begriffe reduzieren. Aber manchmal hilft eine einfache Frage dabei, etwas zu erkennen, das wir im Lärm des Alltags übersehen.


Nicht irgendwann

Vielleicht ist das überhaupt der Gedanke, der mich momentan am meisten beschäftigt: wie häufig wir unser Leben auf später verschieben.

Wenn es ruhiger wird.

Wenn dieses Problem gelöst ist.

Wenn wir mehr Zeit haben.

Wenn wir uns sicherer fühlen.

Dann kümmern wir uns um uns selbst. Dann machen wir wieder mehr von dem, was uns Freude bereitet. Dann wagen wir den nächsten Schritt.

Nur weiß niemand, wann dieses „Dann“ kommt.

Vielleicht brauchen wir deshalb nicht den großen Neuanfang. Vielleicht genügt manchmal eine kleine Entscheidung: heute etwas zu tun, das Kraft gibt. Sich auf etwas zu freuen, ohne dafür einen Grund rechtfertigen zu müssen. Oder einen Schritt zu gehen, obwohl noch nicht klar ist, wohin er führt.

Ich möchte mir deshalb in den nächsten Tagen drei Fragen stellen: Was gibt mir Kraft? Was macht mir Freude? Und wofür brauche ich gerade Mut?

Nicht als weitere Aufgabe auf meiner To-do-Liste. Eher als Erinnerung daran, dass ein gutes Leben nicht nur daraus besteht, Anforderungen zu bewältigen.

Wir brauchen Dinge, die uns tragen. Wir brauchen Momente, die uns freuen. Und manchmal brauchen wir den Mut, ihnen wieder mehr Raum zu geben.

Vielleicht müssen wir gar nicht darauf warten, bis wir wieder mehr Kraft haben.


Vielleicht beginnt neue Kraft genau dort, wo wir uns erlauben, wieder etwas zu tun, das uns Freude macht – und den Mut haben, damit heute anzufangen.

Einen schönen Sonntag, voller kleiner Abenteuer, schöner Überraschungen und einer Prise Erholung, Freude und Ruhe.

 
 
 

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