Mein Wert hängt nicht davon ab, was du von mir hältst
Über Selbstwert, Kritik und Menschen, die Probleme sehr gut erkennen – aber selten Teil der Lösung sind.
Ich merke, dass mich ein Gedanke in letzter Zeit immer häufiger beschäftigt: Wie sehr hängt

das Bild, das ich von mir selbst habe, eigentlich davon ab, was andere Menschen über mich denken?
Die ehrliche Antwort darauf fällt wahrscheinlich bei den meisten von uns nicht so eindeutig aus, wie wir es gerne hätten. Natürlich wünschen wir uns Anerkennung. Wir freuen uns über Lob, möchten gesehen werden und hoffen, dass andere das wahrnehmen, was wir leisten, geben oder versuchen. Das ist menschlich. Schwierig wird es erst dann, wenn aus diesem Wunsch eine Abhängigkeit entsteht. Wenn ein kritischer Satz genügt, um zehn positive Rückmeldungen bedeutungslos erscheinen zu lassen. Wenn ich anfange, meinen eigenen Wert danach zu bemessen, ob jemand anderes mit mir zufrieden ist.
Vielleicht liegt genau darin eine der schwierigeren Aufgaben des Erwachsenwerdens: zu verstehen, dass andere Menschen eine Meinung über mich haben dürfen, ohne dass diese Meinung zu meiner Wahrheit werden muss. (Wobei: Muss man immer eine Meinung zu allem haben? Meinung klingt so endgültig und heute vielleicht sogar endgültig?)
Mein Selbstwert kommt nicht von außen. Ich muss ihn mir selbst zugestehen.
Das klingt nach einem jener Sätze, die sich hervorragend auf Postkarten drucken lassen. Im Alltag ist es erheblich komplizierter. Denn natürlich berührt uns Kritik. Mich auch. Ja, mich macht sie sogar unfassbar wütend. Manchmal denke ich länger über einen kritischen Satz nach, als mir lieb ist. Manchmal ärgert er mich. Manchmal frage ich mich, ob etwas dran ist. Und manchmal merke ich erst später, dass mich weniger der Inhalt beschäftigt hat als die Tatsache, dass jemand mich oder meine Arbeit infrage gestellt hat.
Nicht jede Kritik muss ich abwehren. Aber ich muss auch nicht jede Kritik annehmen. Manchmal wäre es mir lieb, ich würde nicht alles hören.
Kritik kann ein Geschenk sein
Ich halte viel von kritischen Fragen. In meiner Arbeit als Coach und Supervisor gehören sie sogar zu meinem Handwerkszeug. Eine gute Frage kann einen Gedanken ins Wanken bringen, eine neue Perspektive öffnen und etwas sichtbar machen, das man selbst übersehen hat. Menschen, die uns widersprechen, sind deshalb wichtig. Wer nur Menschen um sich versammelt, die alles bestätigen, entwickelt sich irgendwann nicht mehr weiter.
Aber ich beobachte auch eine andere Form von „kritischem Denken“, die mich zunehmend irritiert.
Es gibt Menschen, die nahezu jede Idee mit einer Frage beantworten können. Was ist damit? Wurde daran gedacht? Könnte es nicht sein, dass …? Was passiert, wenn …? Warum wurde nicht …?
Für sich genommen können all diese Fragen berechtigt sein. Irgendwann fällt jedoch auf, dass auf die Fragen wenig folgt.
Keine Idee.
Kein eigener Vorschlag.
Keine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Keine Unterstützung bei der Umsetzung.
Das Problem wird präzise beschrieben und anschließend denen zurückgegeben, die ohnehin gerade versuchen, es zu lösen.
Dann frage ich mich inzwischen: Ist das tatsächlich konstruktive Kritik – oder nur eine besonders elegante Form, Verantwortung bei anderen abzuladen?
Probleme erkennen ist noch keine Leistung
Wir leben in einer Zeit, in der kritisches Denken zu Recht einen hohen Stellenwert besitzt. Wir sollen hinterfragen, nicht alles hinnehmen und verschiedene Perspektiven berücksichtigen. Das ist wichtig.
Aber vielleicht haben wir dabei manchmal vergessen, dass das Erkennen eines Problems noch nicht automatisch ein Beitrag zu seiner Lösung ist.
Wer handelt, macht sich angreifbar. Wer eine Entscheidung trifft, kann falschliegen. Wer ein Projekt beginnt, wird Dinge übersehen. Wer Verantwortung übernimmt, wird fast zwangsläufig irgendwann kritisiert.
Wer ausschließlich am Rand steht und Fragen stellt, hat es leichter.
Er kann auf Risiken hinweisen, ohne selbst eines einzugehen. Er kann Fehler erkennen, ohne die Konsequenzen einer Entscheidung tragen zu müssen. Und wenn etwas schiefgeht, lässt sich hinterher wunderbar sagen: „Genau darauf hatte ich hingewiesen.“
Das ist bequem.
Konstruktive Kritik verlangt für mich deshalb mehr. Sie muss nicht immer eine fertige Lösung mitliefern. Das wäre unrealistisch. Aber sie sollte zumindest von einer Haltung getragen sein, die sagt: Ich möchte dazu beitragen, dass es besser wird.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: Bist du kritisch?
Sondern: Was bewirkt deine Kritik?
Nicht jede Frage braucht eine Rechtfertigung
Hier kommt für mich der Selbstwert ins Spiel.
Wenn ich meinen Wert vor allem aus der Zustimmung anderer beziehe, entsteht bei jeder kritischen Frage ein enormer Druck. Dann möchte ich erklären, begründen und beweisen, dass ich doch an alles gedacht habe. Ich verteidige Entscheidungen, obwohl vielleicht gar keine Verteidigung notwendig wäre.
Das kostet erstaunlich viel Kraft.
Je sicherer ich mir meiner selbst werde, desto eher kann ich innehalten und prüfen: Ist an der Kritik etwas dran?
Wenn ja, kann ich sie annehmen.
Vielleicht sogar dankbar.
Wenn nein, darf ich sie auch liegen lassen.
Und wenn ich es noch nicht weiß, darf ich darüber nachdenken, ohne sofort an mir selbst zu zweifeln.
Selbstwert bedeutet für mich nicht, Kritik nicht mehr an mich heranzulassen. Selbstwert bedeutet, selbst entscheiden zu können, welche Kritik ich an mich heranlasse.
Das ist ein großer Unterschied.
Ich muss und vor allem ich will nicht jedem gefallen
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge an manchen Stellen genau hier. Bei der Erkenntnis, dass ich nicht jede Erwartung erfüllen kann.
Es wird Menschen geben, denen meine Entscheidungen nicht gefallen. Menschen, die meinen Weg anders gehen würden. Menschen, die meine Arbeit kritisch betrachten. Manche werden gute Argumente haben. Von ihnen möchte ich lernen.
Andere werden einfach eine andere Meinung haben.
Auch das dürfen sie.
Ich muss sie nicht überzeugen.
Dieser Satz fällt mir nicht immer leicht. Gerade wer Verantwortung übernimmt, möchte häufig erklären, warum er etwas tut. Transparenz ist wichtig. Aber zwischen Erklären und Rechtfertigen liegt eine feine Grenze.
Ich darf eine Entscheidung erklären.
Ich muss nicht so lange argumentieren, bis jeder sie gut findet.
Kritik braucht Verantwortung
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur lernen, besser mit Kritik umzugehen. Wir sollten auch darüber nachdenken, wie wir selbst Kritik äußern.
Bevor ich die nächste kritische Frage stelle, könnte ich mich fragen: Was möchte ich damit erreichen? Hilft meine Frage dem anderen? Sehe ich etwas, das tatsächlich übersehen wurde? Bin ich bereit, mich an einer Lösung zu beteiligen?
Oder demonstriere ich gerade nur, dass ich das Problem ebenfalls erkannt habe?
Das gilt im Beruf, in Teams und bei Führung genauso wie in Freundschaften oder Beziehungen.
Ein Satz verändert für mich dabei viel:
„Was kann ich dazu beitragen?“
Aus „Habt ihr daran gedacht?“ wird vielleicht: „Ich sehe dort ein Problem. Soll ich mir überlegen, wie wir es lösen könnten?“
Aus Kritik wird Beteiligung.
Aus Distanz wird Verantwortung.
Und aus einem Menschen, der ein Problem beschreibt, wird jemand, der dabei hilft, es zu lösen.
Das ist für mich der Unterschied zwischen Kritik und konstruktiver Kritik.
Mein Wert bleibt
Vielleicht ist genau das eine Form von innerer Stärke, die ich weiter lernen möchte: offen zu bleiben, ohne mich von jeder Meinung abhängig zu machen.
Zuzuhören, ohne alles zu übernehmen.
Mich hinterfragen zu lassen, ohne mich grundsätzlich infrage zu stellen.
Und Fehler eingestehen zu können, ohne daraus abzuleiten, selbst ein Fehler zu sein.
In Coaching, Supervision und Selbstreflexion sprechen wir häufig über Selbstwert, Grenzen und den Umgang mit Erwartungen. Dabei gefällt mir zunehmend ein Gedanke: Selbstwert bedeutet nicht, sich selbst großartig finden zu müssen. Es bedeutet auch nicht, unangreifbar zu werden.
Vielleicht bedeutet Selbstwert etwas viel Ruhigeres.
Ich weiß, dass ich nicht alles richtig mache. Ich weiß, dass andere manches anders machen würden. Ich weiß, dass ich Fehler machen und Menschen enttäuschen werde.
Und trotzdem muss ich meinen Wert nicht jedes Mal neu verhandeln.
Nicht nach einem Fehler.
Nicht nach einer kritischen Rückmeldung.
Und schon gar nicht nach jeder kritischen Frage.
Ich möchte weiterhin Menschen um mich haben, die widersprechen. Menschen, die mich auf blinde Flecken aufmerksam machen und den Mut haben, mir zu sagen, wenn sie etwas anders sehen.
Aber ich wünsche mir auch Menschen, die anschließend nicht verschwinden.
Die nicht nur fragen: „Warum habt ihr das nicht bedacht?“
Sondern irgendwann auch:
„Was kann ich tun, damit es besser wird?“
Denn vielleicht brauchen wir nicht weniger kritische Menschen.
Wir brauchen mehr Menschen, die nach ihrer Kritik bereit sind, Verantwortung für das zu übernehmen, was als Nächstes kommt.




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